Mourinho prägt die Vorbereitung deutlich
José Mourinho hat bislang noch keine große offizielle Präsentation oder ausführliche Pressekonferenz abgehalten, trotzdem ist sein Einfluss bereits deutlich zu spüren. Übereinstimmenden Berichten zufolge soll Real Madrid morgen mit der Vorstellung der Neuzugänge anfangen. Die Präsentationen finden im privaten Rahmen statt. Anwesend sind der Präsident, der jeweilige Spieler und dessen Familie. Auch José Mourinho könnte bereits morgen vorgestellt werden.
Real Madrid verzichtete in diesem Sommer auf eine klassische Übersee-Tour und blieb größtenteils in Madrid. Dadurch konnte der Fokus stärker auf die körperliche Vorbereitung und die taktische Arbeit gelegt werden. Die ersten Wochen unter Mourinho waren anspruchsvoll. Viele Doppel-Einheiten sorgten dafür, dass die Mannschaft in den Testspielen phasenweise müde wirkte. Das Trainerteam nahm diese Müdigkeit bewusst in Kauf, um früh eine körperliche Grundlage für die Saison zu schaffen.
Auch während der Spiele war Mourinho kaum zu übersehen. Der Portugiese coachte intensiv, reagierte emotional auf Entscheidungen und griff immer wieder direkt in das Spielgeschehen ein. Dass er im Training sogar ein blaues Auge davontrug, nachdem ihn ein Schuss getroffen hatte, passte beinahe zu dem Bild, das Mourinho in diesen Wochen vermittelt: hoher Einsatz, hohe Intensität und keine Schonzeit. Laut Mourinho verursachte der Brillenrahmen die Verletzung. „Wenn ich keine Brille getragen hätte, wäre es wahrscheinlich gar nicht erst passiert. Es hätte schlimmer kommen können.“ Welcher Spieler den verhängnisvollen Schuss abgab, ist nicht bekannt.
Von 2:2 gegen Florenz bis zum 3:0 auf Schalke
Auch sportlich war eine klare Entwicklung zu erkennen.
Zum Auftakt spielte Real Madrid 2:2 gegen die Fiorentina. Die erste Halbzeit war stark, nach der Pause verlor die Mannschaft jedoch deutlich an Kontrolle. Es folgte ein 2:1 gegen Ferencváros, bei dem Real Madrid bereits stabiler wirkte. Anschließend gewann Mourinho mit seinem Team 1:0 bei Deportivo La Coruña und sicherte sich den Trofeo Teresa Herrera. Zum Abschluss folgte beim 3:0 gegen Schalke 04 der bislang überzeugendste Auftritt. Damit blieb Real Madrid in der gesamten Vorbereitung ungeschlagen.
Viel wichtiger als die Ergebnisse war jedoch die Entwicklung von Spiel zu Spiel. Die Mannschaft wirkte zunehmend kompakter, klarer in ihren Abläufen und sicherer in der Umsetzung von Mourinhos Ideen.
Bernardo Silva gewinnt früh Mourinhos Vertrauen
Einer der Spieler, die besonders schnell Vertrauen gewonnen haben, ist Bernardo Silva. Mourinhos Aussage nach dem Ferencváros-Spiel, Bernardo sei körperlich nicht in optimalem Zustand aus dem Urlaub zurückgekehrt, klang zunächst wie Kritik. Innerhalb des Trainerteams wurde die Aussage jedoch eher als Zeichen dafür verstanden, wie hoch Mourinho den Portugiesen einschätzt. Denn Bernardo erhielt trotz seines körperlichen Rückstands früh wichtige Rollen. Er wurde auf verschiedenen Positionen eingesetzt, am häufigsten aber im offensiven oder zentralen Mittelfeld. Dabei zeigte sich schnell, warum Mourinho ihn als wichtigen Bestandteil seiner Mannschaft betrachtet.
Bernardo kann das Tempo kontrollieren, den Ball unter Druck behaupten und zwischen mehreren Positionen wechseln. Gerade nach Rodris Absage könnte seine Bedeutung noch größer werden.
Arda Güler nutzt seine Chance
Auch Arda Güler gehört zu den Gewinnern der Vorbereitung. Der Türke kehrte nach dem frühen WM-Aus seiner Nationalmannschaft früher zurück und konnte dadurch mehr Trainingseinheiten unter Mourinho absolvieren als viele andere Stars. Diese Zeit nutzte er.
Güler wurde regelmäßig als Zehner eingesetzt und zeigte immer wieder seine technische Qualität. Seine präzise Ecke auf Dean Huijsen beim 3:0 gegen Schalke war nur eines von mehreren Beispielen. Mourinho scheint ihm im offensiven Mittelfeld viel Verantwortung zuzutrauen.Die zentrale Frage wird nun sein, wie sich die Rollen von Güler, Bernardo Silva und Jude Bellingham entwickeln, wenn alle Spieler vollständig im Rhythmus sind.
Angesichts der Leistungen und dem späteren Trainingseinstieg von Bellingham, könnte Güler beim LaLiga-Auftakt gegen Espanyol in der Startelf stehen.
Carlos Espí wird zur Überraschung der Vorbereitung
Von allen Sommer-Neuzugängen sorgte ausgerechnet Carlos Espí für eine der größten Überraschungen. Der 21-Jährige kam für rund 25 Millionen Euro von Levante UD und galt zunächst eher als zusätzliche Option für die Sturmspitze. In der Vorbereitung zeigte er jedoch schnell, welchen Wert er für Mourinho haben kann.
Espí erzielte zwei Tore und traf zusätzlich gegen Deportivo, wobei der Treffer wegen einer knappen Abseitsposition nicht zählte. Seine Präsenz im Strafraum, seine Kopfballstärke und seine körperliche Spielweise unterscheiden ihn von vielen anderen Offensivspielern im Kader. Gerade gegen tief stehende Gegner könnte Espí deshalb zu einer wichtigen Alternative, wie sie einst Joselu darstellte, werden.
Diomande sorgt schon im Training für Begeisterung
Noch größer sind die Erwartungen an Yan Diomande. Der 19-Jährige kam für ein Gesamtpaket von bis zu 140 Millionen Euro von RB Leipzig und ist damit der teuerste Transfer des Sommers. Mourinho ließ ihn zunächst bewusst langsam einsteigen. Diomande erhielt in Gelsenkirchen erst rund 30 Minuten und muss körperlich sowie taktisch noch an die Mannschaft herangeführt werden. Intern sorgt er dennoch bereits für Aufsehen.
In Valdebebas soll seine Qualität im Training mehrfach hervorgehoben worden sein. Auch kurze Trainingsclips sorgten bei den Fans für große Begeisterung. Seine Geschwindigkeit, seine Eins-gegen-eins-Stärke und seine Bereitschaft, defensiv mitzuarbeiten, passen sehr gut zu dem Profil, das Mourinho für seine Außenpositionen sucht.
Rivas und Ciria überraschen aus der Akademie
Auch zwei Nachwuchsspieler haben in der Vorbereitung deutlich auf sich aufmerksam gemacht. Mario Rivas und Alexis Ciria hinterließen einen starken Eindruck und werden innerhalb des Vereins sehr hoch eingeschätzt.
Der 19-jährige Rivas zeigte Ruhe im Spielaufbau und erzielte gegen Ferencváros sogar ein Tor. Der 1,88m große spanische Innenverteidiger hat letzte Saison 15 Spiele für Real Madrid Castilla absolviert und wurde UEFA Youth League Sieger.
Ciria überzeugte durch Tempo, Mut und Offensivdrang. Gegen die Fiorentina traf er selbst und lieferte später weitere starke Auftritte. Ein Wermutstropfen hinterlässt seine vergebene Chance freistehend vor dem Tor der Schalker. Der 18-jährige wechselte erst Ende Januar von Sevilla B zur Castilla und lieferte auf Anhieb fünf Scorerpunkte in neun Spielen. Außerdem wurde der in Badajoz geborene Spanier auch UEFA Youth League Sieger.
Mit der Rückkehr der etablierten Spieler sinken ihre kurzfristigen Einsatzchancen zwangsläufig. Trotzdem haben beide gezeigt, dass sie mittelfristig ernsthafte Optionen für die erste Mannschaft werden können.
Mourinho setzt auf 4-2-3-1 und schnelle Umschaltmomente
Taktisch zeichnet sich inzwischen ein relativ klares Grundgerüst ab. Real Madrid spielt überwiegend in einem 4-2-3-1. Dabei fühlt sich die Mannschaft besonders dann wohl, wenn sie nach Ballgewinnen schnell umschalten kann. Ein gutes Beispiel war Brahim Díaz’ Treffer gegen Deportivo. Andrij Lunin fing einen Eckball ab, reagierte sofort und leitete mit einem langen Abwurf den Konter ein. Brahim nahm den Ball mit der Brust mit, lief alleine auf das Tor zu und verwandelte.
Solche Situationen passen perfekt zu Mourinhos Vorstellungen. Real Madrid will nicht zwangsläufig jede Partie über langen Ballbesitz kontrollieren. Vielmehr soll die Mannschaft kompakt stehen, Ballgewinne erzwingen und anschließend schnell vertikal spielen. Die älteren Fans werden sich gerne an den perfekten Konter in der Champions League 2011/2012 erinnern, den Cristiano Ronaldo abschloss.
Defensivarbeit der Offensivstars verbessert sich
Besonders positiv ist auch die Arbeit gegen den Ball. Vinícius Júnior und Yan Diomande zeigten in der Vorbereitung mehrfach die Bereitschaft, weit zurückzuarbeiten und defensiv tief zu verteidigen. Genau das war in der vergangenen Saison häufig ein Problem.
Mourinho fordert von seinen Offensivspielern deutlich mehr Disziplin gegen den Ball. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte Real Madrid defensiv wesentlich stabiler werden als in den vergangenen beiden Jahren.
Gleichzeitig gab es im Ballbesitz noch Phasen, in denen die Mannschaft zu wenig Geduld und Klarheit zeigte. Es ist deshalb durchaus möglich, dass dieses Real Madrid zunächst stärker ohne Ball als mit dauerhaftem Ballbesitz funktioniert.
Wer spielt rechts und links hinten?
Eine der größten offenen Fragen betrifft die rechte Abwehrseite. Denzel Dumfries wurde ursprünglich eher als zusätzliche Option verpflichtet, startete aber in drei der vier Testspiele und wurde teilweise sehr offensiv eingesetzt. Gegen Deportivo spielte er sogar zeitweise als Flügelspieler, während Trent Alexander-Arnold hinter ihm als Rechtsverteidiger agierte. Beide Spieler haben ihre Qualitäten gezeigt, aber auf unterschiedliche Weise. Dumfries bringt Physis, Tempo und Tiefe. Trent besitzt deutlich mehr Kreativität im Spielaufbau und rückt häufig ins Zentrum. Welche Variante Mourinho bevorzugt, ist noch nicht endgültig entschieden.
Auch auf der linken Seite ist die Situation interessant. Marc Cucurella wurde für rund 60 Millionen Euro von Chelsea verpflichtet und sollte eigentlich als klare Nummer eins starten. Durch seine späte Rückkehr nach der WM konnte er jedoch nur wenige Trainingseinheiten absolvieren. Álvaro Carreras nutzte diese Zeit hervorragend. Der Linksverteidiger zeigte besonders gegen Deportivo starke Laufwege und bereitete gegen Schalke sogar das dritte Tor durch Espí vor. Cucurella bleibt aufgrund seiner Qualität und Erfahrung der Favorit auf die Position. Trotzdem hat Carreras dafür gesorgt, dass Mourinho zumindest zu Saisonbeginn echte Konkurrenz besitzt. Eine zusätzliche defensive Option wird Ferland Mendy gegen Ende 2026 bieten.
Huijsen und Konaté mit guten Chancen auf die Startelf
In der Innenverteidigung scheint die Lage etwas klarer. Raúl Asencio wird nach seiner Oberschenkelverletzung voraussichtlich erst im September und Éder Militão erst im September oder Oktober 2026 zurückkehren. Damit gelten Dean Huijsen und Ibrahima Konaté aktuell als Favoriten für die beiden zentralen Positionen. Konaté zeigte bei seinem ersten Einsatz gegen Schalke eine starke erste Halbzeit. Huijsen wiederum stabilisierte sich nach einer schwierigen Vorsaison und überzeugte in den Testspielen defensiv und offensiv. Antonio Rüdiger bleibt jedoch eine ernsthafte Alternative. Mourinho muss deshalb entscheiden, ob er zunächst auf Konaté und Huijsen setzt oder Rüdiger in den ersten Wochen stärker einbindet.
Valverde bekommt noch mehr Verantwortung
Im Mittelfeld zeichnet sich ebenfalls eine Veränderung ab. Federico Valverde dürfte unter Mourinho noch mehr defensive Verantwortung übernehmen. Der Uruguayer spielte nahezu durchgehend in einer tieferen Rolle und wurde zu einem zentralen Bestandteil der Balance. Hinter Jude Bellingham bleiben dadurch mehrere Optionen.
Bernardo Silva, Arda Güler, Eduardo Camavinga und Aurélien Tchouaméni konkurrieren um Rollen im Zentrum. Tchouaméni hatte nach seiner Rückkehr leichte muskuläre Beschwerden und konnte deshalb noch nicht vollständig zeigen, wie Mourinho mit ihm plant. Gerade hier bleiben vor dem Ligastart noch offene Fragen.
Die Vorbereitung macht Hoffnung
Nach vier offiziellen Testspielen lässt sich noch keine endgültige Bewertung vornehmen. Dafür kamen zu viele Spieler erst spät aus dem Urlaub zurück, während andere schon fast einen Monat unter Mourinho trainierten. Trotzdem sind klare Entwicklungen sichtbar. Die Mannschaft wirkt körperlich stärker, arbeitet disziplinierter gegen den Ball und entwickelt zunehmend eine gemeinsame Struktur.
Mourinhos Aussage nach dem Schalke-Spiel trifft den aktuellen Zustand gut: „Die Mannschaft beginnt, wie eine Mannschaft auszusehen.“
Genau das ist möglicherweise die wichtigste Erkenntnis dieser Vorbereitung.
RMXpress Fazit
Real Madrid geht mit deutlich mehr positiven als negativen Eindrücken in die neue Saison. Bernardo Silva hat früh Mourinhos Vertrauen gewonnen, Arda Güler drängt sich als Zehner auf und Carlos Espí hat sich schneller als erwartet als echte Alternative im Angriff etabliert. Dazu kommen die große Vorfreude auf Yan Diomande und überraschend starke Auftritte von Mario Rivas und Alexis Ciria.
Taktisch ist Mourinhos Idee bereits zu erkennen: ein 4-2-3-1, viel Intensität gegen den Ball und schnelle, direkte Angriffe nach Ballgewinnen.
Noch bleiben viele Fragen. Wer setzt sich rechts hinten durch? Wie schnell erobert Cucurella seinen Platz? Wer bildet langfristig die Innenverteidigung? Und wie verteilt Mourinho die Rollen zwischen Bellingham, Bernardo, Güler, Valverde und Tchouaméni? Die Vorbereitung hat diese Fragen nicht alle beantwortet. Sie hat aber gezeigt, dass Mourinho eine Mannschaft übernommen hat, die seine Ideen annimmt. Am Samstag gegen Espanyol endet die Phase der Tests. Dann zählt nicht mehr, wie vielversprechend Real Madrid aussieht. Dann zählen Punkte.
