Im Gespräch mit Rio Ferdinand blickt Casemiro auf die prägendste Phase seiner Karriere zurück und zeichnet ein ehrliches, tiefgehendes Bild davon, was Real Madrid ausmacht. Er spricht über außergewöhnliche Spieler, den ewigen Druck zu gewinnen und eine Mannschaft, die Geschichte geschrieben hat – nicht nur wegen ihres Talents, sondern wegen ihrer Mentalität.
Cristiano Ronaldo – außerhalb jeder Diskussion
Für Casemiro gibt es gleich zu Beginn eine klare Einordnung. Über Cristiano Ronaldo müsse man eigentlich gar nicht diskutieren, denn für ihn sei der Portugiese der Beste überhaupt, schlicht von einem anderen Planeten. Man müsse Cristiano aus jeder Debatte herausnehmen. Besonders beeindruckt habe ihn dabei stets dessen Ehrgeiz. Ganz egal, um welches Spiel es ging, Cristiano hatte immer dieselbe Gier. Casemiro erinnert sich, dass Motivation gegen Barcelona selbstverständlich sei, aber dass Cristiano auch gegen Levante im Bernabéu unerbittlich war. Es ging immer nur um eins: Tore, Tore, Tore. Jeder habe zu Beginn einer Saison gewusst, dass Cristiano mindestens 50 Treffer erzielen werde. Mit einem Lachen sagt Casemiro, dass er Cristiano auch deshalb liebe, weil ihm dieser so viele Tore und so viele Titel beschert habe.
Gareth Bale – der kompletteste Spieler
Trotz dieser Bewunderung für Cristiano überrascht Casemiro mit einer klaren Aussage über Gareth Bale. Während Ronaldo für ihn der Beste überhaupt sei, beschreibt er Bale als den komplettesten Spieler, mit dem er je zusammengespielt hat. Bale habe einfach alles gehabt: Er griff an, verteidigte, erzielte Kopfballtore, war extrem schnell und körperlich stark. Für Casemiro war der Waliser unglaublich. Vor allem in den entscheidenden Momenten habe Bale geliefert – in Champions‑League‑Finals, im Pokalfinale, mit Toren gegen Liverpool und Atlético. Cristiano sei eine Klasse für sich, sagt Casemiro, aber wenn man ihn nach dem absolut komplettesten Spieler frage, dann sei Bale für ihn der Allerbeste gewesen.
Carlo Ancelotti – Ruhe als Führungsstil
Besonders persönlich wird Casemiro, wenn er über Carlo Ancelotti spricht. Zwischen beiden habe es nicht nur ein professionelles Verhältnis gegeben, sondern eine enge Verbindung. Ancelotti sei nicht nur sein Trainer, sondern auch sein Freund gewesen. Casemiro erklärt, dass er genau wisse, was Carlo möge und was nicht – und genau das mache ihn so besonders. Seine größte Fähigkeit sei es, ruhig zu bleiben, langsam zu denken und die Dinge zu entspannen.
Eine Geschichte aus seiner aktuellen Zeit mit der brasilianischen Nationalmannschaft bringt diesen Stil perfekt auf den Punkt. Im entscheidenden WM‑Qualifikationsspiel gegen Paraguay herrschte in der Halbzeit große Nervosität, alle redeten durcheinander. Dann kam Ancelotti herein und sagte, er gehe fünf Minuten eine rauchen und sie sollten ruhig weitersprechen. Als er zurückkam und sprach, sei plötzlich alles klar gewesen. Auf einmal habe niemand mehr diskutiert, alle sagten nur noch „okay“. Für Casemiro ist Ancelotti deshalb ein Trainer, der alles über Fußball weiß – aber noch mehr ein außergewöhnlicher Mensch ist.
Real Madrid – gewinnen reicht nie
Casemiro beschreibt Real Madrid als einen Klub ohne Vergangenheit. Man gewinne die Champions League und LaLiga, und sofort gehe es nur um die nächste Saison. Gestern existiere nicht mehr. Ja, das sei extrem anstrengend, aber genau das mache Real Madrid aus. Für ihn sei die Mentalität immer das Wichtigste gewesen. Es habe viele sehr gute Spieler gegeben, die kaum eingesetzt wurden, nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen ihrer Mentalität. Bei Real Madrid reiche Talent allein nicht.
Diese Denkweise erkenne er auch bei Manchester United wieder. Es spiele keine Rolle, wie man gewinne – entscheidend sei nur, dass man alles gebe und gewinne. Das sei Fußball auf höchstem Niveau.
Kroos, Modrić und Casemiro – ein Mittelfeld ohne Worte
Wenn Casemiro über das legendäre Mittelfeld mit Luka Modrić und Toni Kroos spricht, wird deutlich, wie besonders diese Verbindung war. Auf dem Platz habe man kaum gesprochen. Ein Blick habe gereicht, um zu wissen, was der andere wollte. Natürlich habe man im Training gearbeitet, aber im Spiel selbst habe es genügt, Modrić oder Kroos anzuschauen, um genau zu wissen, wohin der Ball gespielt werden sollte.
Individuell hebt Casemiro hervor, dass der Ball für Kroos und Modrić niemals gebrannt habe. Egal welches Spiel oder welcher Moment – man spiele ihnen den Ball, und sofort kehre Ruhe ein. Besonders außergewöhnlich sei gewesen, dass beide in den schwierigsten Phasen noch mehr Verantwortung übernehmen wollten. Wenn man zurücklag oder sich nicht wohlfühlte, habe Modrić immer gesagt: „Case, gib mir den Ball, ich löse das Problem.“ Bei Kroos sei es genau das Gleiche gewesen.
Seine eigene Rolle in diesem Trio beschreibt Casemiro als Opferbereitschaft. Er habe sich aufgeopfert und dadurch Bedeutung erlangt. Während andere nach vorne stürmten, sei er hinten geblieben, ohne Tore erzielen oder Aufmerksamkeit suchen zu müssen. Er musste defensiv der Protagonist sein – und genau das habe er getan. Dabei merkt er sogar selbstkritisch an, dass Toni Kroos defensiv oft zu viel gearbeitet und zu tief gefallen sei. Doch genau daraus entstand das berühmte Muster: Kroos ließ sich links fallen, Marcelo ging nach vorne, Cristiano rückte nach innen – und dann ging es „ping, ping“. Jeder Gegner wusste, was passieren würde, und doch konnte es niemand stoppen, weil die Spieler einfach zu gut waren.
Kritik an der neuen Generation und an Statistiken
Casemiro blickt auch kritisch auf den modernen Fußball. Ihn störe, dass die neue Generation so sehr auf Statistiken fixiert sei. Ein Spieler kommt vom Platz und sagt, er habe 97 Prozent seiner Pässe angebracht. Doch was für Pässe seien das? Rückpässe, negative Pässe. Für Casemiro ist klar: Man müsse nach vorne spielen, auch wenn man den Ball verliert.
El Clásico, Messi und maximaler Respekt
Die Duelle mit Xavi, Iniesta und Busquets beschreibt Casemiro als heftig und besonders. In dem Moment habe man das nicht genießen können, weil der Druck zu gewinnen so groß war, aber rückblickend seien diese Spiele wunderschön gewesen. Über Lionel Messi spricht er mit ehrlichem Respekt. Er habe nicht viel geredet, ihn nicht provoziert, weil er ihn nicht wütend machen wollte. Nach einem Tackling habe er sogar „Sorry“ gesagt. Denn Messi könne man nicht aufhalten. Barcelona könne schlecht spielen – Messi schießt ein Tor, drei Punkte.
Benzema – die falsche Neun, die alles ermöglichte
Auch Karim Benzema würdigt Casemiro ausdrücklich. Benzema sei zwar die Nummer neun gewesen, aber eigentlich eine Zehn. Er ließ sich oft fallen, schuf Räume und machte Platz für Bale und Cristiano. Bale brauchte Raum, und Benzema habe ihm diesen Raum gegeben. Dann seien Bale und Cristiano in diese Lücken gestartet. Jeder wusste, was Real Madrid tun würde – niemand konnte es verhindern.
Am Ende zeichnen Casemiros Worte das Bild einer Mannschaft, die nicht nur durch Qualität, sondern durch Zusammenhalt, Mut und kompromisslose Mentalität unsterblich wurde. Eine Ära, die Real Madrid geprägt hat – und Maßstäbe gesetzt hat, an denen sich jeder kommende Spieler messen lassen muss.
