Mourinho und die Presse: Zwischen Schweigen, Protest und legendären Auftritten

José Mourinho hat nach Real Madrids 1:0 gegen Villarreal bewusst auf die Pressekonferenz verzichtet. Es war nicht das erste Mal, dass der Portugiese mit Schweigen ein Zeichen setzte – seine Karriere ist geprägt von ungewöhnlichen Medienauftritten, demonstrativen Abgängen und Momenten, die bis heute in Erinnerung geblieben sind.

Nach Villarreal bleibt Mourinhos Platz leer

José Mourinho sprach nach dem Sieg gegen Villarreal nicht. Nach einem Spiel, das erneut von Diskussionen um den Schiedsrichter und die Rote Karte gegen Vinícius geprägt war, entschied sich der Real-Trainer bewusst gegen einen Auftritt vor den Medien.

Der Grund war klar: Mourinho wollte vermeiden, dass emotionale Aussagen nach dem Spiel zu einer Sperre führen könnten. Damit griff der Portugiese auf ein Mittel zurück, das ihn durch große Teile seiner Karriere begleitet hat.

Mal sprach er sehr viel. Mal brach er Pressekonferenzen ab. Mal schickte er seine Assistenten. Und manchmal sagte er gar nichts. Genau dieses Wechselspiel gehört längst zu seiner öffentlichen Persönlichkeit.


Karanka als Mourinhos Stimme in Madrid

Eine der bekanntesten Episoden stammt aus Mourinhos erster Zeit bei Real Madrid. Am 15. April 2011 erschien der Portugiese vor einem Clásico gegen Barcelona gemeinsam mit seinem damaligen Assistenten Aitor Karanka zur Pressekonferenz. Mourinho setzte sich zwar vor die Journalisten, beantwortete die Fragen aber nicht selbst. Stattdessen übernahm Karanka.

Ein Teil der anwesenden Medienvertreter reagierte mit Protest. Rund 30 Journalisten verließen den Raum, nachdem klar wurde, dass Mourinho nicht sprechen würde. Der Portugiese blieb sitzen und ließ Karanka die Fragen derjenigen beantworten, die geblieben waren.

Die Geschichte ging am nächsten Tag weiter. Nach dem 1:1 gegen Barcelona im Santiago Bernabéu erschien Mourinho wieder selbst vor der Presse – verweigerte Antworten allerdings gegenüber jenen Medien, deren Vertreter am Vortag die Pressekonferenz verlassen hatten.

Mourinho damals zu einem Journalisten: „Sind Sie der Direktor von AS? Ich spreche nur mit Ihrem Direktor.“

Seine Begründung war ebenso typisch.

Mourinho weiter: „Wenn ihr nicht mit meinem Assistenten sprecht, dann muss ich eben nur mit euren Direktoren sprechen.“

Karanka wurde während Mourinhos dreijähriger erster Amtszeit regelmäßig zu dessen Stimme vor den Medien. Vor und nach Spielen übernahm der Spanier immer wieder Pressekonferenzen, darunter auch vor dem Clásico im Dezember 2011. Neu war das Prinzip für Mourinho allerdings nicht. Bereits während seiner ersten Zeit beim FC Chelsea hatte er gelegentlich seinen damaligen Assistenten Steve Clarke vorgeschickt.


De Bruyne-Fragen werden Mourinho zu viel

Auch während seiner zweiten Amtszeit bei Chelsea blieb das Verhältnis zur Presse intensiv. Am 30. September 2013 stand vor dem Champions-League-Spiel gegen Steaua Bukarest vor allem ein Spieler im Mittelpunkt, der gar nicht dabei war: Kevin De Bruyne.

Mourinho ärgerte sich zunehmend darüber, dass sich die Fragen der Journalisten auf den nicht nominierten Belgier konzentrierten. Seiner Ansicht nach sollte mehr über die Spieler gesprochen werden, die tatsächlich zur Verfügung standen.

Irgendwann reichte es ihm. Mourinho beendete die Pressekonferenz vorzeitig. Auch dieser Moment passte zu seinem Umgang mit Medien: Wenn er das Gefühl hatte, dass eine Pressekonferenz in eine Richtung lief, die er für falsch hielt, scheute er nicht davor zurück, selbst den Schlusspunkt zu setzen.


„Respect, respect, respect“

Eine der berühmtesten Mourinho-Szenen überhaupt folgte fünf Jahre später. Am 27. August 2018 verlor Manchester United im Old Trafford mit 0:3 gegen Tottenham. Nach dem Spiel wurde Mourinho mit kritischen Fragen zur Leistung seiner Mannschaft konfrontiert.

Seine Reaktion wurde legendär. Der Portugiese erinnerte an seine drei gewonnenen Premier-League-Titel, hielt drei Finger in die Höhe und forderte mehrfach Respekt.

Mourinho: „Respect. Respect. Respect.“

Danach verließ er die Pressekonferenz. Der Moment wurde zu einem Symbol seiner Zeit in Manchester: kämpferisch, konfrontativ und vollständig von Mourinhos eigener Interpretation der Situation geprägt.


Schweigen vor den Duellen mit Inter

In Italien zeigte Mourinho eine andere Variante. Während seiner Zeit bei der AS Roma verzichtete er vor den ersten drei Begegnungen mit Inter Mailand auf die übliche Pressekonferenz. Das Verhältnis zum ehemaligen Klub war ein besonderes. Mit Inter hatte Mourinho 2010 das historische Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewonnen.

Als Roma-Trainer entschied er sich deshalb vor den Duellen im Dezember 2021 sowie im Februar und April 2022 jeweils dafür, nicht öffentlich zu sprechen. Es war kein lauter Protest. Keine Auseinandersetzung. Nur Schweigen.


Nach Milan-Niederlage ebenfalls keine Worte

Noch näher an der aktuellen Situation im Bernabéu liegt eine Episode aus dem September 2023. Die Roma verlor damals mit 1:2 gegen Milan.

Nach einer Partie, in der eine Schiedsrichterentscheidung für Diskussionen sorgte, erschien Mourinho weder zur Pressekonferenz noch zu den anschließenden TV-Interviews. Die Parallele zum Villarreal-Spiel ist offensichtlich. Wenn Mourinho befürchtet, dass seine Emotionen unmittelbar nach einem Spiel zu Konsequenzen führen könnten, entscheidet er sich mitunter dafür, überhaupt nichts zu sagen.


Galatasaray und 70 Minuten Wartezeit

Auch in der Türkei kam es zu einem solchen Moment. Am 21. September 2024 verlor Mourinhos Mannschaft mit 1:3 gegen Galatasaray. Der Portugiese erschien anschließend nicht zur Pressekonferenz.

Vier Tage später erklärte er allerdings, dass es sich nicht um eine Flucht nach der Niederlage gehandelt habe. Nach eigener Darstellung musste er rund 70 Minuten darauf warten, dass der gegnerische Trainer Okan Buruk seine Medienrunde beendete. Mourinho entschied deshalb, das Stadion zu verlassen.

Über die Situation: „In 24 Jahren meiner Karriere bin ich nie vor einer Pressekonferenz weggelaufen – schon gar nicht nach einer Niederlage.“

Damit machte er deutlich, dass er zwischen einem bewussten medialen Statement und einer organisatorischen Situation unterscheiden wollte.


Benfica und die Rückkehr ins Bernabéu

Einer der jüngsten Fälle ereignete sich erst wenige Monate vor seiner Rückkehr zu Real Madrid. Im Februar war Mourinho noch Trainer von Benfica und reiste für das Rückspiel einer Champions-League-K.-o.-Runde ins Santiago Bernabéu. Der Portugiese war nach einem Platzverweis im Hinspiel gesperrt.

Obwohl er grundsätzlich hätte mit den Medien sprechen können, entschied er sich gegen eine Teilnahme an der Pressekonferenz. Stattdessen trat sein Assistent João Tralhão vor die Journalisten.

Das Bild erinnerte zwangsläufig an seine erste Real-Madrid-Zeit. Damals war es Karanka. Diesmal Tralhão.


Mourinho spricht oft – aber nicht immer

Das Interessante an Mourinhos Verhältnis zur Presse ist der Widerspruch. Kaum ein Trainer hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr Schlagzeilen durch Pressekonferenzen produziert. Seine Auftritte gehören teilweise zur Fußballgeschichte.

Er diskutiert. Er provoziert. Er verteidigt seine Spieler. Er attackiert Kritiker. Und er nutzt Pressekonferenzen immer wieder bewusst als Instrument, um Aufmerksamkeit von seiner Mannschaft auf sich selbst zu ziehen.

Doch genau deshalb besitzt sein Schweigen eine besondere Wirkung. Wenn jemand, der normalerweise kaum einer Debatte aus dem Weg geht, plötzlich gar nicht erscheint, fällt das umso stärker auf.


Villarreal: Diesmal keine Vertretung

Nach dem 1:0 gegen Villarreal gab es diesmal auch keinen Karanka. Keinen Assistenten, der Mourinhos Platz einnahm. Keine kurze Stellungnahme. Keine vorzeitig beendete Pressekonferenz. Der Platz blieb einfach leer.

Nach den vorliegenden Informationen wollte Mourinho verhindern, dass seine Verärgerung über die Schiedsrichterleistung und die Rote Karte gegen Vinícius in Aussagen mündete, die eine Sperre nach sich ziehen könnten. Damit wurde das Schweigen selbst zur Botschaft.


RMXpress Fazit

José Mourinhos Geschichte mit der Presse ist fast so lang wie seine Geschichte als Spitzentrainer. Karanka als Sprecher in Madrid. Der Abbruch wegen Fragen zu De Bruyne. Drei erhobene Finger und „Respect“ in Manchester. Schweigen vor Inter. Kein Auftritt nach Milan. Und nun eine leere Pressekonferenz im Santiago Bernabéu.

Mourinho hat über die Jahre viele Wege gefunden, mit Medien umzugehen. Manchmal laut. Manchmal ironisch. Manchmal konfrontativ. Und manchmal sagt er am meisten, indem er gar nichts sagt.

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