Ist Mourinho noch immer „Box Office“?
Kaum ein Begriff begleitet José Mourinho seit Jahren so hartnäckig wie „Box Office“. Der Portugiese sorgt für Schlagzeilen, provoziert, unterhält und polarisiert wie kaum ein anderer Trainer seiner Generation. Sportlich haben sich die Maßstäbe allerdings verschoben. Mourinho wartet seit elf Jahren auf einen weiteren Meistertitel und seit vier Jahren auf eine Trophäe. Trotzdem ist die Faszination für seine Person ungebrochen – von Diskussionen in sozialen Netzwerken über Medien und Filmproduzenten bis hin zu Florentino Pérez.
Dass Real Madrid den Portugiesen in diesem Sommer 13 Jahre nach dem Ende seiner ersten Amtszeit erneut zum Cheftrainer machte, beantwortet die Frage nach seiner Strahlkraft zumindest teilweise.
Nun folgt mit der Netflix-Dokumentation „Mourinho“ eine weitere Gelegenheit, den Mann hinter der öffentlichen Figur kennenzulernen.
Dreiteilige Netflix-Serie über Mourinhos Karriere
Die Dokumentation wurde von Produzent John Battsek und Regisseur Joe Pearlman umgesetzt. Battsek war unter anderem an den Oscar-prämierten Dokumentationen One Day in September und Searching for Sugar Man beteiligt und arbeitete zuletzt auch an einer Netflix-Produktion über David Beckham. Pearlman ist insbesondere für Dokumentarfilme über die Musikacts Bros und Lewis Capaldi bekannt.
„Mourinho“ besteht aus drei Episoden. Der erste Teil beschäftigt sich überwiegend mit seiner ersten Zeit beim FC Chelsea und greift zusätzlich seine frühen Jahre auf. Die zweite Episode widmet sich vor allem seiner erfolgreichen Phase bei Inter Mailand. Der dritte und persönlichste Teil behandelt Real Madrid, den weiteren Verlauf seiner Karriere und insbesondere Mourinhos Familie und seine eigene Verletzlichkeit. Gerade dort liefert die Serie ihre überraschendsten Momente.
Mourinho hatte Manchester United 2013 bereits zugesagt
Die wohl größte Enthüllung betrifft den Sommer 2013. Nach dem Ende seiner ersten Amtszeit bei Real Madrid kehrte Mourinho damals zum FC Chelsea zurück. Allgemein galt David Moyes als der von Sir Alex Ferguson ausgewählte Nachfolger bei Manchester United. Mourinho erzählt in der Dokumentation jedoch eine andere Geschichte.
Zunächst kündigt er seine Offenbarung mit einer für ihn typischen Inszenierung an: „Ich gehe 2013 zu Chelsea, aber aus dieser Zeit gibt es etwas, das niemand weiß. Ich glaube, ich kann es sagen, ohne jemanden mit der Wahrheit zu verletzen. Ich denke, das Ziel dieser Arbeit, die wir hier machen, ist es, die Wahrheit zu erzählen.“
Anschließend erklärt Mourinho, dass er sich bereits darauf verständigt hatte, im Sommer 2013 Trainer von Manchester United zu werden. Er habe die Position als Nachfolger des zurückgetretenen Ferguson zunächst angenommen, dann jedoch seine Meinung geändert.
Ferguson bestätigt Mourinhos Version
Besonders bemerkenswert: Sir Alex Ferguson bestätigt die Darstellung in der Dokumentation. Demnach war Mourinho der Job tatsächlich angeboten worden und der Portugiese hatte zunächst zugesagt. Erst danach vollzog er die Kehrtwende. Mourinho entschied sich letztlich für eine Rückkehr zum FC Chelsea.
Seine Begründung fällt ungewöhnlich emotional aus: „Nach Real Madrid musste ich Liebe spüren.“
Ferguson berichtet zudem, Mourinho habe ihn unter Tränen angerufen, um ihm mitzuteilen, dass er seine Entscheidung geändert habe. Erst drei Jahre später, im Sommer 2016, übernahm Mourinho tatsächlich Manchester United.
Mourinho wollte seine Geschichte selbst erzählen
Die ersten Gespräche über eine mögliche Dokumentation fanden bereits 2022 statt, als Mourinho die AS Rom trainierte. Regisseur Joe Pearlman gewann damals den Eindruck, dass der Portugiese bereit war, seine eigene Geschichte neu einzuordnen.
„Ich glaube, er war bereit, die Dinge richtigzustellen und allen zu sagen: ‚Ich bin José Mourinho. Erinnert euch daran, was ich gemacht habe – und das ist, was ich noch machen werde.‘“
Pearlman beschreibt den damaligen Mourinho als jemanden, der noch eine offene Rechnung gehabt habe. Dieser Eindruck habe sich während der jahrelangen Arbeit an der Dokumentation allerdings verändert. Die ausführlichen Interviews fanden nach Mourinhos Abschied von der Roma im Januar 2024 statt und begleiteten ihn über seine 13 Monate bei Fenerbahçe bis hin zu seiner anschließenden Rückkehr zu Benfica.
Seitenhiebe auf Chelsea und Guardiola
Natürlich fehlt auch der bekannte Mourinho nicht. In der Dokumentation spricht er über seine beiden Entlassungen beim FC Chelsea und zeigt dabei noch immer eine gewisse Verbitterung. Auch seine Anfangsjahre beim FC Barcelona werden thematisiert. Dort wurde Mourinho häufig lediglich als „Übersetzer“ abgetan, obwohl er längst Teil des Trainerteams war.
Ein Seitenhieb richtet sich zudem offenbar gegen seinen langjährigen Rivalen Pep Guardiola. Mourinho sagt: „Redet mit mir nicht über Sabbatjahre. Für mich bedeutet ein Sabbatjahr Schwäche.“
Einen Namen nennt er dabei zwar nicht, die Aussage wird jedoch als kaum verhüllter Seitenhieb auf einen früheren Konkurrenten verstanden.
Die bekannten Geschichten aus den großen Jahren
Daneben liefert die Serie viele klassische Elemente einer Fußball-Dokumentation. Ehemalige Spieler und Wegbegleiter wie John Terry, Frank Lampard und Iker Casillas kommen zu Wort. Auch zahlreiche frühere Assistenten Mourinhos schildern ihre Erfahrungen mit dem Portugiesen.
Dazu kommen Bilder seiner größten Erfolge und verschiedene Anekdoten aus seiner Karriere. Eine davon stammt aus seiner ersten Chelsea-Zeit: Mourinho soll damals gebeten worden sein, nach Sardinien zu reisen, um eine Mannschaft aus Mitarbeitern von Roman Abramovichs Yacht zu trainieren. Doch die interessantesten Momente entstehen nicht bei den bekannten Geschichten.
Die Dokumentation zeigt einen verletzlichen Mourinho
Der eigentliche Kern der Serie ist ein anderer. Mourinho zeigt sich ungewöhnlich verletzlich. Das zeigt sich nicht nur bei der Geschichte über seinen emotionalen Anruf bei Ferguson, sondern vor allem dann, wenn es um seine Familie geht.
An einer Stelle gesteht er über seine Kinder: „Ich glaube, sie genießen ihr Leben ohne mich viel mehr.“
Die Serie beschäftigt sich zudem mit Mourinhos Jugend und dem Gefühl, lange zwar Teil des Profifußballs gewesen zu sein, aber nie vollständig dazuzugehören. Er war der Sohn eines Profifußballers, schaffte es selbst jedoch nicht auf höchstes Niveau. Später arbeitete er im Trainerstab des FC Barcelona und wurde dennoch häufig lediglich als Übersetzer wahrgenommen. Diese Erfahrungen scheinen einen Teil jener Persönlichkeit geprägt zu haben, die Mourinho später öffentlich verkörperte.
Die Beziehung zu seinem Vater als Schlüssel
Besonders emotional wird die Dokumentation als Mourinho über seinen 2017 verstorbenen Vater Félix Mourinho spricht.
José beschreibt einen deutlichen Unterschied zwischen beiden Persönlichkeiten: „Er ist das Gegenteil von mir, weil ihn jeder geliebt hat.“
Eine bemerkenswerte Aussage angesichts der öffentlichen Figur, die Mourinho selbst über Jahrzehnte geschaffen hat. Denn wenig später beschreibt er auch seine eigene Philosophie: „Ich bin nicht nett. So ist es einfach. Und darauf bin ich stolz. Alles, damit deine Spieler nicht verlieren.“
Und an einer anderen Stelle: „Ich möchte mich nicht verändern. Dafür ist es zu spät.“
Diese Aussagen verdeutlichen den Widerspruch zwischen Mourinho als Privatperson und der kompromisslosen Trainerfigur.
„Du bringst mich dazu, über mich selbst zu sprechen“
Einer der prägendsten Momente entsteht ebenfalls während eines Gesprächs über seinen Vater.
Als Regisseur Pearlman weiter nachfragt, sagt Mourinho: „Du bringst mich dazu, über mich selbst zu sprechen, und das möchte ich nicht.“
Bei einem Mann, der seit Jahrzehnten für markante Aussagen über sich selbst bekannt ist, klingt dieser Satz zunächst beinahe paradox. Gemeint ist jedoch offenbar nicht José Mourinho, die öffentliche Figur. Es geht um den Menschen dahinter. Genau an diesem Punkt versucht die Dokumentation, die Grenze zwischen der bewusst aufgebauten Persönlichkeit des erfolgreichen und provokanten Trainers und seinem privaten Ich sichtbar zu machen.
Wie viel Mourinho steckt noch hinter der Rolle?
Mourinho selbst sagt in der Serie: „Die Menschen glauben, sie kennen mich, aber sie kennen mich nicht. Das ist mir egal.“
Auch darin liegt ein Widerspruch. Denn gleichzeitig hat er mehrere Jahre lang an einer dreiteiligen Dokumentation über seine eigene Person mitgewirkt. Regisseur Pearlman glaubt dennoch, dem tatsächlichen Mourinho sehr nahe gekommen zu sein: „Ich denke, wir sind ihm näher gekommen als jemals jemand zuvor.“
Vor allem Gespräche über seinen Vater und seine Familie seien Momente gewesen, in denen die bekannte öffentliche Fassade teilweise verschwunden sei.
Vom Höhepunkt bei Inter bis zu schwierigen Jahren
Die Struktur der Dokumentation zeichnet zugleich Mourinhos sportlichen Weg nach. Seine erste Chelsea-Ära steht für den Aufstieg zum internationalen Superstar unter den Trainern. Die Zeit bei Inter bildet mit dem historischen Triple von 2010 den sportlichen Höhepunkt. Nach diesem Triumph verließ Mourinho sogar frühzeitig die Feierlichkeiten seines Teams. Er erklärte später, dass er den bereits geplanten Wechsel zu Real Madrid womöglich nicht vollzogen hätte, wenn er noch länger bei seinen Spielern geblieben wäre.
Danach folgen Real Madrid und jene Jahre, in denen die zuvor fast kontinuierliche Serie großer Titel zunehmend abnahm. Mourinho blieb berühmt, aber die sportlichen Erfolge wurden seltener.
Die Rückkehr zu Real Madrid liefert das perfekte Ende
Als die letzten Arbeiten an der Dokumentation liefen, bekam die Geschichte noch eine unerwartete Wendung. Real Madrid holte Mourinho zurück. 13 Jahre nach seinem Abschied aus der spanischen Hauptstadt kehrte der Portugiese im Sommer 2026 zu den Königlichen zurück.
Für Pearlman schließt sich damit ein Kreis: „Man sieht eine Version vom Abstieg dieses Mannes – und dann macht José Mourinho genau das, was José Mourinho eben macht: Er kehrt an den Ort zurück, von dem er sagt, dass er dort hingehört.“
Genau diese Entwicklung liefert der Serie nachträglich ein beinahe perfektes Ende.
Ist Mourinho also noch immer „Box Office“?
Die entscheidende Frage bleibt trotzdem bestehen. Mourinho hält sich selbst weiterhin für relevant. Florentino Pérez offensichtlich ebenfalls. Und Netflix widmet ihm nun drei Episoden. Sportlich muss der Portugiese bei Real Madrid allerdings erst beweisen, dass seine Rückkehr mehr ist als eine nostalgische Wiedervereinigung mit einem der berühmtesten Trainer der Vereinsgeschichte.
Seine Vergangenheit reicht aus, um Menschen weiterhin zuzuschauen. Seine zweite Amtszeit in Madrid entscheidet darüber, ob künftig wieder vor allem über seine Gegenwart gesprochen wird.
RMXpress Fazit
José Mourinho hat im Laufe seiner Karriere eine öffentliche Figur geschaffen, die beinahe ebenso bekannt geworden ist wie seine sportlichen Erfolge. Selbst in Jahren mit weniger Titeln blieb die Aufmerksamkeit enorm. Die Netflix-Dokumentation scheint gerade dann am stärksten zu sein, wenn diese Figur für einen Moment verschwindet.
Die Geschichte über Manchester United ist die große Schlagzeile. Mourinho hatte 2013 offenbar bereits zugesagt, Sir Alex Ferguson zu beerben, ehe er sich emotional für Chelsea entschied. Doch interessanter sind möglicherweise die Momente, in denen er über seine Kinder, seinen Vater und das Gefühl spricht, im Fußball nie vollständig akzeptiert worden zu sein.
Jetzt beginnt ausgerechnet bei Real Madrid das nächste Kapitel. Ob José Mourinho noch immer „Box Office“ ist, muss Netflix kaum beweisen. Dass eine dreiteilige Dokumentation über ihn erscheint und Real Madrid ihn gleichzeitig zurückholt, beantwortet diese Frage bereits. Die spannendere Frage lautet: Kann der Mourinho des Jahres 2026 auch sportlich wieder an die Bedeutung des Mourinho von früher anknüpfen?
