Die Niederlage schmerzt – aber nicht wegen des Schiedsrichters
Real Madrid verließ das La Cartuja mit einer Mischung aus Frust und Unverständnis. Die Königlichen hatten genug Möglichkeiten, um mindestens einen Punkt mitzunehmen. Insgesamt kamen sie auf 20 Abschlüsse, trafen zweimal Aluminium, sahen einen Treffer von Carlos Espí wegen einer knappen Abseitsstellung aberkannt und vergaben in der Nachspielzeit sogar noch einen Elfmeter.
Torhüter Álvaro Valles parierte fünfmal, während auf der anderen Seite Troy Parrott mit einem einzigen Treffer das Spiel entschied. Innerhalb des Klubs soll die Analyse deshalb bewusst nicht beim Schiedsrichter beginnen wie Mourinho bei der Pressekonferenz bereits ankündigte. Trotz Diskussionen um den aberkannten Espí-Treffer und eine mögliche zu frühe Strafraumbetretung beim verschossenen Elfmeter liegt der Fokus vielmehr auf der eigenen Leistung.
La Liga
4. Spieltag
Real Betis
1:0
Real Madrid
Die zentrale Frage lautet: Wie konnte Real Madrid so viele Chancen kreieren und trotzdem ohne Tor bleiben? Genau daraus ergeben sich fünf Punkte, die Mourinho vor dem nächsten großen Spiel beschäftigen dürften.
1. Mbappé ließ zu viel liegen
Kylian Mbappé war bislang einer der auffälligsten Spieler des Saisonstarts. Gegen Betis erlebte der Franzose jedoch einen Abend, an dem ihm nahezu alles misslang, was ihn normalerweise auszeichnet. Mehrfach kam er in aussichtsreiche Abschlusspositionen, traf aber nicht. Besonders auffällig war eine doppelte Chance im ersten Durchgang, bei der zunächst ein Verteidiger blockte und Mbappé auch den Nachschuss nicht im Tor unterbrachte. Später scheiterte er erneut an Valles. Der Tiefpunkt folgte in der Nachspielzeit. Nach dem Foul an Vinícius übernahm Mbappé die Verantwortung vom Punkt, setzte den Elfmeter aber nicht gut genug und scheiterte erneut am Betis-Torhüter. Bei einem Spieler seiner Qualität ist ein solcher Abend ungewöhnlich. Gerade in engen Spielen braucht Real Madrid jedoch genau diese Effizienz. Wenn Chancen rar werden, muss der Unterschied häufig von den Spielern gemacht werden, die dafür verpflichtet wurden. In Sevilla hatte Mbappé gleich mehrere Möglichkeiten dazu.
Kylian Mbappé
Angriff
12Spiele
12Tore
3Assists
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2. Vinícius blieb zwischen Gefahr und Frust gefangen
Auch Vinícius Júnior lieferte ein widersprüchliches Spiel. Der Brasilianer war durchaus an gefährlichen Szenen beteiligt. Er bereitete eine große Mbappé-Chance vor, provozierte den späten Elfmeter und spielte zudem einen spektakulären Außenristpass in die Entstehung der akrobatischen Aktion von Carlos Espí. Allein diese Szenen zeigen, wie entscheidend Vinícius selbst an einem schwächeren Abend sein kann. Trotzdem gelang es ihm nicht, dauerhaft Einfluss auf die Partie zu nehmen. Immer wieder verlor er den Rhythmus, diskutierte mit dem Schiedsrichter und fand nur phasenweise in sein gewohntes Eins-gegen-eins-Spiel. Mourinho braucht von Vinícius nicht nur einzelne Momente. Er braucht ihn über 90 Minuten fokussiert. Gerade weil der Brasilianer jederzeit eine Partie entscheiden kann, darf er sich nicht durch Diskussionen oder Frustration selbst aus dem Spiel nehmen.
Vini Jr.
Angriff
11Spiele
1Tore
3Assists
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3. Viel Physis, aber zu wenig Kontrolle im Mittelfeld
Federico Valverde und Eduardo Camavinga brachten gegen Betis viel von dem ein, was sie auszeichnet. Beide liefen enorme Wege, gewannen Bälle zurück und gaben dem Mittelfeld Athletik. Was jedoch fehlte, war über längere Phasen die Kontrolle. Real Madrid hatte gerade zu Beginn viel Ballbesitz und spielte Betis phasenweise tief in die eigene Hälfte. Als die Gastgeber jedoch besser in die Partie fanden, fehlte jemand, der den Rhythmus wieder herunterfahren und das Spiel neu ordnen konnte. Die Entscheidung, Bernardo Silva zunächst draußen zu lassen, machte sich dabei bemerkbar. Bellingham fand gleichzeitig deutlich weniger Räume zwischen den Linien als in den ersten Saisonspielen. Das Ergebnis war ein Mittelfeld mit viel Energie, aber phasenweise zu wenig Steuerung. Genau diese Diskussion begleitet Real Madrid seit den Abschieden von Toni Kroos und Luka Modrić. Ein Spieler, der nicht nur Bälle gewinnt oder vertikal beschleunigt, sondern ein Spiel kontrolliert, bleibt ein besonderes Profil.
Federico Valverde
Mittelfeld
12Spiele
1Tore
2Assists
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4. Zu viel Energie ging in Diskussionen verloren
Ein weiterer Punkt war der Umgang mit dem Schiedsrichter. Vinícius diskutierte mehrfach, Arda Güler sah Gelb und auch Mourinho wurde an der Seitenlinie verwarnt. Der Portugiese kritisierte nach dem Spiel vor allem, dass Betis in solchen Situationen cleverer agiere. Unabhängig von der Bewertung einzelner Entscheidungen bleibt für Real Madrid aber eine Aufgabe bestehen: Die Mannschaft darf sich von solchen Situationen nicht aus ihrem Rhythmus bringen lassen. Gerade in engen Auswärtsspielen kann jede unnötige Diskussion Konzentration kosten. Güler musste schließlich sogar ausgewechselt werden, weil Mourinho keinen Platzverweis riskieren wollte. Für ein Team mit Titelambitionen ist emotionale Kontrolle deshalb ebenso wichtig wie taktische Kontrolle.
Arda Güler
Mittelfeld
11Spiele
3Tore
4Assists
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5. Als das Spiel festhing, fehlte ein klarer Plan B
Real Madrid hatte genug Chancen. Trotzdem wurde deutlich, dass die Mannschaft nach der Pause weniger klare Lösungen fand. Als Betis kompakter stand und die Räume enger wurden, verlagerten sich die Angriffe zunehmend auf individuelle Aktionen, Flanken und die Hoffnung auf einen späten Moment. Mourinho brachte Trent Alexander-Arnold, Bernardo Silva und Yan Diomande. Später kam Carlos Espí. Gerade dessen Einwechslung veränderte das Profil der Offensive. Der 21-Jährige gab Real Madrid mehr Präsenz im Strafraum und erzielte mit einer spektakulären akrobatischen Aktion sogar den vermeintlichen Ausgleich, der allerdings wegen Abseits nicht zählte. Damit stellte sich erneut die Frage, ob Espí in bestimmten Spielverläufen früher eine Option sein könnte. Nicht jedes Spiel lässt sich ausschließlich über Mbappés Dynamik oder Vinícius‘ Dribblings lösen. Manchmal braucht es einen klassischen Zielspieler im Strafraum.
Carlos Espí
Angriff
7Spiele
3Tore
0Assists
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Die größere Sorge: Was macht die Niederlage mit der Mannschaft?
Sportlich ist das 0:1 noch kein Problem. Real Madrid steht nach vier Spieltagen bei neun Punkten und hat zuvor drei Partien gewonnen. Interessanter ist deshalb die mentale Reaktion. Nach den ersten Wochen war rund um die Mannschaft viel Optimismus entstanden. Mourinhos Real wirkte geschlossen, intensiv und zunehmend überzeugt von der eigenen Spielidee. Die erste Niederlage kommt nun früh.
Innerhalb des Vereins soll deshalb vor allem verhindert werden, dass aus einem schlechten Ergebnis plötzlich grundsätzliche Zweifel entstehen. Die Mannschaft erhielt heute zunächst einen freien Tag. Am Samstag findet kein reguläres Mannschaftstraining statt, lediglich die verletzten Spieler setzen in Valdebebas ihre jeweiligen Rehabilitationsprogramme fort. Danach beginnt unmittelbar die Vorbereitung auf den nächsten großen Test.
Inter kommt zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt
Viel Zeit zur Aufarbeitung gibt es nicht. Bereits am Dienstag beginnt für Real Madrid die Champions-League-Saison gegen Inter Mailand im Santiago Bernabéu. Mourinho muss dabei zusätzlich personelle Probleme lösen. Arda Güler, Eduardo Camavinga und Bernardo Silva stehen aufgrund von Sperren nicht zur Verfügung. Hinzu kommen die offenen Fragen um Aurélien Tchouaméni und Thiago Pitarch. Ausgerechnet nach einer Partie, in der dem Mittelfeld über längere Phasen die Kontrolle fehlte, muss Mourinho seine Zentrale also erneut umbauen. Das macht den Champions-League-Auftakt zur nächsten echten Prüfung.
UEFA Champions League
1. Spieltag
Real Madrid
2:1
Inter
RMXpress Fazit
Die Niederlage bei Betis hat Real Madrid nicht entzaubert. Sie hat aber erstmals gezeigt, wo Mourinhos Mannschaft noch verwundbar ist. Mbappé muss an solchen Abenden effizienter sein. Vinícius muss seine Konzentration über längere Phasen halten. Das Mittelfeld braucht auch in schwierigen Momenten mehr Kontrolle. Diskussionen mit dem Schiedsrichter dürfen nicht zu viel Energie binden. Und wenn ein Spiel festhängt, benötigt Real Madrid mehr als nur individuelle Lösungen.
All diese Punkte wären weniger auffällig gewesen, wenn einer der unzähligen Abschlüsse im Tor gelandet wäre. Genau darin liegt jedoch der Wert dieser Niederlage. Sie zwingt Real Madrid schon früh in der Saison dazu, genauer hinzusehen.
Der nächste Prüfstein wartet bereits. Und gegen Inter wird sich zeigen, wie schnell Mourinho und seine Mannschaft aus dem ersten Rückschlag lernen.
