Mourinho über das Derby, Atlético und die Entwicklung von Real Madrid
Für Mourinho besitzt ein Stadtderby immer eine besondere Bedeutung. Gleichzeitig will er die Partie sportlich nicht größer machen, als sie im Tabellenkontext ist.
Über die Bedeutung des Derbys: „Ein Derby hat immer etwas mehr. Derbys sind Geschichte, Kultur und Leidenschaft – für die Fans, die Spieler, die Trainer und für manche, die sehr schnell verstehen, was so ein Spiel bedeutet. Aber am Ende ist es trotzdem ein Spiel um drei Punkte.“
Auch die jüngere Bilanz im Metropolitano beschäftigt ihn, allerdings ohne daraus ein psychologisches Problem zu machen.
Über die schwierigen letzten Jahre dort: „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, dass die Mannschaft mit hundert Prozent rausgeht, aber das ist meine Absicht und auch die meiner Spieler. Wir haben viele Spiele hintereinander gespielt, aber wir haben einige Dinge korrigiert. Es ist ein Prozess. Andere Klubs können drei, vier oder fünf Tage am Stück trainieren. Bei uns reden wir über Entwicklung, obwohl wir in diesen wenigen Monaten schon sieben oder acht Pflichtspiele absolviert haben. Wir müssen besser werden, aber gleichzeitig Ergebnisse holen. Wir arbeiten daran und haben großes Vertrauen.“
Atlético sieht Mourinho als echten Titelkandidaten.
Über den Kader von Atlético: „Ich will die Kader nicht vergleichen. Frag mich nicht, ob Oblak oder Courtois besser ist. Ich sage nur: Atlético hat einen starken Kader, viele Lösungen und einen großartigen Trainer. Einen Trainer, der Spieler auswählt, die zu ihm passen und seine Handschrift tragen. Dahinter stehen viele Jahre Arbeit. Wenn ich diese Mannschaft sehe, gehe ich davon aus, dass sie am Ende um die Meisterschaft kämpfen wird.“
Auch das Verhältnis zu Diego Simeone beschrieb Mourinho mit Respekt.
Über Simeone: „Im Laufe einer Karriere sagt man viele dumme Dinge. Wenn du zurückgehst, findest du bei jedem von uns Aussagen, die man später anders sieht – manchmal beeinflusst vom Moment, manchmal strategisch. Als ich gefragt wurde, ob ich in Simeones Dokumentation sprechen möchte, habe ich keine Sekunde gezögert. Wir sind Rivalen, aber Kameraden im Krieg.“
Vinícius, Teamstärke und Mourinhos Vertrauen in die Gruppe
Auf die Frage, ob das Derby für Vinícius eine besondere Bedeutung habe, wollte Mourinho keine Einzelgeschichte daraus machen.
Über Vinícius und das Derby: „Für alle ist es besonders. Vielleicht empfinden diejenigen, die schon länger bei Real Madrid sind und die schwierigen Ergebnisse dort erlebt haben, etwas mehr. Aber ich glaube nicht, dass das entscheidend ist. Wir sind als Gruppe zusammen und wissen, wie schwierig dieses Spiel wird. Es ist Teil der Kultur dieser Stadt, aber für uns alle gleich wichtig.“
Mourinho lehnt es zugleich ab, Real Madrid ständig mit Barcelona oder anderen Klubs zu vergleichen.
Über Barcelona und die eigene Entwicklung: „Historisch und kulturell kann Real Madrid sich nicht ständig mit anderen vergleichen. Deshalb mache ich das auch nicht. Ich spreche über uns, über unsere Probleme und darüber, was wir verbessern müssen. Auch wenn es inzwischen immer schwieriger wird, etwas Positives über Real Madrid zu hören. Wir arbeiten weiter mit Demut. Wir wissen sehr genau, was nicht gut genug ist, aber wir wissen auch, welche sehr guten Dinge diese Mannschaft hat.“
Besonders hebt Mourinho die Reaktion in engen Schlussphasen hervor.
Über die Widerstandskraft seiner Mannschaft: „In den drei Spielen, in denen wir in den letzten Minuten ein Tor gebraucht haben, um zu gewinnen oder auszugleichen, haben wir mit enormer körperlicher und mentaler Kraft reagiert. Natürlich ist es nicht normal, in Elche 2:0 zu führen und in der 80. Minute den Ausgleich zu kassieren. Aber es ist genauso wenig normal, danach innerhalb weniger Minuten wieder eine Chance nach der anderen zu kreieren und das Spiel noch zu gewinnen. Gegen Betis war es ähnlich: Wir lagen zurück, Espí erzielt dieses unglaubliche Tor, dann verschießen wir den Elfmeter und haben trotzdem noch Kraft für mehr. Diese Mannschaft hat nicht nur Qualität. Sie besitzt die Stärke einer Gruppe. Und das gibt mir Vertrauen. Eine Saison ist ein Marathon, keine Autobahn.“
Pressing, tiefer Block und die Anpassung an den Kader
Mourinho sprach erneut ausführlich über seine taktische Philosophie und die Balance zwischen eigener Idee und den Qualitäten seiner Spieler.
Über hohe und tiefe Defensivblöcke: „Eine Sache ist die Idee, die dir am besten gefällt. Eine andere ist das, was du mit den Spielern machen kannst, die du hast. Eine meiner Stärken als Trainer war immer, dass ich versucht habe, mich an das Potenzial meiner Spieler anzupassen.“
Er nannte dabei sein früheres Inter als Extrembeispiel.
Über seine frühere Inter-Mannschaft: „Mein Inter konnte 90 Minuten in einem tiefen Block verteidigen und sich dabei vollkommen wohlfühlen. Wenn es sein musste, hätten wir das drei Tage lang gemacht. Gegen diese Mannschaft hast du praktisch kein Tor geschossen. Aber das waren andere Profile.“
Real Madrid soll trotzdem lernen, auch solche Phasen zu überstehen.
Über die aktuelle Mannschaft: „Ich mag es, wenn eine Mannschaft auch tief verteidigen kann, weil es nahezu unmöglich ist, solche Phasen komplett zu vermeiden. Vielleicht dauert das zwei Minuten, vielleicht 20. Wenn sie kommen, musst du wissen, wie du dich verhältst. Genau daran arbeiten wir.“
Tchouaméni, die Länderspielpause und der schwierige Kalender
Aurélien Tchouaméni wird in der kommenden Länderspielphase nicht für Frankreich auflaufen. Mourinho betonte, daran nicht beteiligt gewesen zu sein.
Über Tchouaménis Nicht-Nominierung: „Ich hatte überhaupt keinen Einfluss auf diese Entscheidung. Zidane und ich haben nicht darüber gesprochen. Es hat mich sogar überrascht. Aber sie haben miteinander gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass es für ihn das Beste ist, die Vorbereitung nachzuholen, die er im Sommer nicht machen konnte.“
Für Real Madrid ist die Entscheidung dennoch hilfreich.
Über die kommenden Wochen: „Der Nationaltrainer hat ihm gesagt, dass er für die Zukunft mit ihm plant. Für uns ist das ein Privileg. Nach dem Derby bekommt Aurélien einige Tage Ruhe und kann dann gezielt arbeiten, um stärker zurückzukommen.“
Die bevorstehende lange FIFA-Abstellungsphase sieht Mourinho dagegen kritisch.
Über die rund 20-tägige Pause: „Mag das überhaupt jemand? Aber was sollen wir machen? Bei uns bleiben vier Spieler für 20 Tage hier. Vier. Danach kommen manche drei Tage vor Villarreal zurück, manche zwei. Die Brasilianer kommen aus Indien zurück, Valverde ebenfalls von weit weg. Die Europäer spielen vier schwierige Partien. Das ist hart. Danach kommen Villarreal und Roma direkt hintereinander. Aber es bedeutet auch, dass wir viele gute Nationalspieler haben.“
Schiedsrichter, Motivation und Mourinhos erste 100 Tage
Auf das Thema Schiedsrichter ließ sich Mourinho vor dem Derby bewusst nur begrenzt ein.
Über den angesetzten Schiedsrichter: „Ich rede vor Spielen nicht gerne über Schiedsrichter. Dass wir schon vor einer Woche wussten, wer das Derby pfeift, ist vielleicht etwas ungewöhnlich. Aber wenn er ausgewählt wurde, dann weil er die nötige Qualität und Erfahrung für ein Spiel mit dieser emotionalen Dimension besitzt. Vor dem Spiel hat er mein volles Vertrauen. Danach werden wir sehen.“
Auf seine frühere Bemerkung zu Elfmetern wollte er nicht mehr zurückkommen.
Über die alten Schiedsrichterdiskussionen: „Jetzt ist es zu spät. Seitdem gab es schon wieder einen weiteren Spieltag. Da hätten sich neue Fragen ergeben können, zum Beispiel warum Elche das Spiel mit elf Spielern beendet hat. Aber wenn wir diesen Weg gehen, sitzen wir morgen noch hier.“
Auch die Frage, ob ihn ein Derby oder Clásico in dieser Phase seiner Karriere noch besonders motiviere, beantwortete Mourinho deutlich.
Über seine Motivation: „Mich motiviert jeder Tag. Wenn du sagst ‚in diesem Moment deiner Karriere‘, verstehe ich, wie du es meinst. Aber vom ersten Tag bis heute hat sich daran nichts geändert. Die Jahre verändern meine Art nicht. Mich motiviert ein Spiel gegen Villarreal genauso wie ein Clásico oder Derby. Derbys und Clásicos haben mehr Geschichte und Kultur, aber Motivation ist jeden Tag da.“
Nach rund 100 Tagen bei Real Madrid zieht Mourinho ein sehr persönliches Zwischenfazit.
Über seine eigene Arbeit: „Meine Note ist, dass ich mein Maximum gegeben habe. Bei mir geht es nicht nur darum, Training zu leiten und Spiele zu coachen. Ich möchte Einfluss auf den gesamten Fußballbereich eines Klubs nehmen. Es geht nicht nur um Aufstellung und Wechsel. Ich gebe mir keine perfekte oder schlechte Note. Aber ich weiß, dass ich alles gegeben habe. Das Maximum. Und genau dabei werde ich bleiben.“
RMXpress Fazit
Mourinho geht mit Respekt, aber ohne Angst ins Derby. Atlético sieht er als Mannschaft mit klarer Identität, einem starken Kader und einem Trainer, dessen Handschrift über Jahre gewachsen ist. Gleichzeitig vertraut er zunehmend auf das, was bei Real Madrid gerade entsteht. Dabei ist seine Botschaft eindeutig: Diese Mannschaft ist noch nicht fertig.
Sie muss besser kontrollieren, tiefe Phasen sauberer verteidigen und die eigene Entwicklung trotz des dichten Spielplans weiter vorantreiben. Aber Mourinho sieht bereits etwas, das für ihn besonders wichtig ist: eine Gruppe, die in schwierigen Momenten zusammenbleibt und bis zum Ende reagiert. Im Metropolitano wird genau das erneut gefragt sein.
La Liga
7. Spieltag
Atletico Madrid
2:1
Real Madrid
