Neustart bei Getafe: „Ich wollte mich wieder wie ein Fußballer fühlen“
Nach 451 Einsätzen und 27 Titeln für Real Madrid hat für Dani Carvajal ein neuer Abschnitt begonnen. Der 34-Jährige trägt inzwischen das Trikot des FC Getafe und kämpft mit seinem neuen Verein um den Klassenerhalt.
Bis zu seinem Comeback musste sich der Rechtsverteidiger gedulden. Nach vier Monaten und 24 Tagen ohne Pflichtspiel debütierte er am 19. Oktober beim 1:1 gegen Rayo Vallecano – nach lediglich drei gemeinsamen Trainingseinheiten. Bei der 0:4-Niederlage gegen Athletic Club begann er anschließend als Innenverteidiger.
Im Interview mit der spanischen Sportzeitung AS berichtete Carvajal von einem Sommer voller Ungewissheit. Bis auf einen zweiwöchigen Urlaub mit seiner Frau trainierte er fast täglich. Unter anderem arbeitete er gemeinsam mit Joselu in Las Rozas sowie mit Trainern des spanischen Fußballverbands.
Über den Sommer ohne Verein: „Ich habe wirklich sehr viel trainiert. Mit meiner Frau war ich zwei Wochen unterwegs, ansonsten habe ich von Montag bis Freitag gearbeitet und die Wochenenden freigehalten. Ich wollte bereit sein, falls jederzeit das Telefon klingelt.“
Das individuelle Training hielt Carvajal körperlich fit, konnte die Anforderungen eines Mannschaftstrainings nach seiner Einschätzung aber nicht vollständig ersetzen.
Über die Rückkehr ins Mannschaftstraining: „Beim Training allein verliert man vor allem das Gefühl für Ballbesitz und Zweikämpfe, auch wenn es schnell zurückkommt. Fußball bedeutet Kontakt: den Arm einsetzen, den Körper benutzen, Entscheidungen unter Druck treffen. Beim individuellen Training bereitest du dich körperlich darauf vor, spielen zu können. Die Spritzigkeit mit dem Ball bekommst du aber erst durch Spiele zurück.“
Diese fehlende Spielpraxis bemerkte Carvajal bereits bei seinem Debüt, als er gegen den schnellen Álvaro García verteidigen musste und Getafe nach rund einer halben Stunde in Unterzahl geriet. Mit zunehmendem Alter gleiche er kleinere physische Einbußen jedoch durch Erfahrung aus.
Über die Veränderungen mit 34 Jahren: „Man kompensiert vieles mit Erfahrung. Du positionierst dich besser, unterbrichst Laufwege früher und weißt, welchem Gegenspieler du enger auf den Rücken gehen musst oder bei wem du wegen seiner Geschwindigkeit etwas mehr Abstand halten solltest. Das gewinnt man mit dem Alter, während man vielleicht etwas Endgeschwindigkeit oder Beschleunigung verliert.“
Bei der Entscheidung für Getafe spielten auch seine Familie und die Nähe zu Madrid eine wesentliche Rolle. Carvajal wollte nicht allein wegen eines attraktiven Angebots in ein anderes Land wechseln.
Über seine Motivation: „Diese Lust auf Fußball trage ich seit meiner Geburt in mir. Sie war entscheidend dafür, zu Hause zu bleiben und bei Getafe zu unterschreiben. Die Atmosphäre vor einem Spiel wie in San Mamés erfüllt mich und lässt mich erkennen, wie privilegiert ich bin. Ich wollte mich wieder wie ein Fußballer fühlen und aus Leidenschaft spielen – so wie als Kind.“
Unter José Bordalás erlebt Carvajal nun eine andere sportliche Realität. Erstmals spielt er für eine Mannschaft, deren vorrangiges Ziel der Klassenerhalt ist.
Über die neue Herausforderung: „Bei Getafe spiele ich zum ersten Mal in einer Mannschaft, deren Ziel der Klassenerhalt ist. Das ist ein anderer Druck. Ich möchte jeden Sieg genießen und wie einen Titel wertschätzen. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin glücklich, wieder Fußballer zu sein und spielen zu können.“
Der Abschied von Real Madrid und die Sehnsucht nach dem Bernabéu
Carvajal verbrachte insgesamt 23 Jahre in der Jugend und der ersten Mannschaft von Real Madrid. Noch immer sei der Weg nach Valdebebas so tief in seinen Gewohnheiten verankert, dass er nach dem Schulweg seiner Kinder beinahe falsch abbiege.
Besonders bewegt habe ihn die Reaktion der Madridistas bei seiner Verabschiedung. Die Anerkennung der Fans stelle er inzwischen sogar über viele seiner sportlichen Erfolge.
Über seinen Abschied von Real Madrid: „Ich hatte eine unglaubliche Verabschiedung. Es war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. In die Öffentlichkeit zu gehen, die Zuneigung der Madridistas zu spüren, ihren Dank zu hören und zu erleben, wie sie mich um eine spätere Rückkehr bitten – das erfüllt mich mehr als die Titel. Zu wissen, dass die Fans stolz darauf sind, wie ich mich für den Verein eingesetzt habe, ist das Größte.“
Eine Rückkehr nach Madrid kann sich Carvajal nach seiner aktiven Laufbahn gut vorstellen. Eine konkrete Position habe er noch nicht im Blick, seine Interessen lägen aber näher am Trainingsplatz als an einem Schreibtisch.
Über eine mögliche Rückkehr: „Momentan genieße ich es, zu spielen. In Zukunft wird sich zeigen, ob ich Jugendtrainer werde, in der Vereinsführung oder im Protokollbereich arbeite. Ich sehe mich aber eher direkt an der Frontlinie, bei der Jugend oder als Trainer. Ich bin gerne aktiv.“
Zu seinen prägendsten Erinnerungen gehören die Vorstellung als Real-Profi, der Gewinn der Décima und seine Verabschiedung. Selbst sein Tor in einem Champions-League-Finale und die anschließende Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Partie ordnet er emotionalen Momenten unter.
Über seine wichtigsten Erinnerungen: „Ohne Zweifel denke ich an den Tag meiner Vorstellung, an die Décima und an meine Verabschiedung. Mit dem Gewinn der Décima begann eine goldene Ära von zwölf Jahren, mit einer sehr jungen Mannschaft und Eigengewächsen wie Nacho, Morata und Joselu. Mein Tor in einem Champions-League-Finale war unglaublich, aber in meinem Kopf wiegen die emotionalen Momente und die Zuneigung der Fans noch schwerer.“
Besonders vermisst Carvajal jene Europapokalabende, an denen Real Madrid im Bernabéu scheinbar verlorene Spiele noch drehte.
Über die Aufholjagden im Bernabéu: „Ich würde viel Geld dafür bezahlen, so etwas noch einmal zu erleben – wirklich. Diese Atmosphäre bei Champions-League-Spielen lässt sich nicht beschreiben. Ein entscheidender Moment war für mich immer, wenn im Stadion ‚sechs Minuten Nachspielzeit‘ angekündigt wurde und sich plötzlich alles veränderte. Wir hatten großes Glück, solche Abende erleben zu dürfen.“
Den jüngsten Clásico gegen Barcelona verfolgte Carvajal weiterhin als Madridista.
Über Real Madrids 2:1 im Camp Nou: „Ich war nervös. Es war ein großartiges Spiel. Beide Mannschaften haben sehr gut gespielt, aber besonders Real Madrid, das zu keinem Zeitpunkt sein Gesicht verloren hat. Madrid hat ein deutliches Zeichen gesetzt. Von außen sieht man es anders, aber ich habe das Spiel in meinem Madrid-Trikot verfolgt.“
Die zwei titellosen Spielzeiten vor seinem Abschied hätten ihn als Kapitän besonders beschäftigt.
Über die letzten Jahre bei Real Madrid: „Es hat mich nicht zermürbt, aber es hat wehgetan. Bei Real Madrid gelten die höchsten Ansprüche. Zwei Jahre ohne Titel waren schwierig – besonders, weil ich sie als Kapitän erlebt habe.“
Verletzung, Nationalmannschaft und die Zukunft nach der Karriere
Carvajals letzte Phase bei Real Madrid wurde von einer schweren Verletzung geprägt. Nachdem er bei der Wahl zum Ballon d’Or den vierten Platz belegt hatte, musste er sich beinahe ein Jahr zurückkämpfen. Anschließend fehlte ihm die notwendige Kontinuität.
Diese Erfahrung spielte eine zentrale Rolle bei seiner Entscheidung, die Karriere fortzusetzen.
Über den Gedanken an einen Rücktritt: „Die Verletzung war ein sehr wichtiger Faktor. Fast ein ganzes Jahr verletzt zu sein und anschließend nur wenig Kontinuität zu bekommen, verstärkt den Wunsch, dieses Gefühl auf dem Platz noch einmal zurückzugewinnen. Deshalb wollte ich unbedingt weiterspielen.“
Die Verletzung ereignete sich in der Schlussphase eines bereits entschiedenen Spiels. Dennoch bereut Carvajal nicht, den Zweikampf angenommen zu haben.
Über seinen kompromisslosen Spielstil: „Meine Mutter sagt mir oft: ‚Jetzt bei Getafe musst du ruhiger machen, deine Kräfte einteilen und nicht jedem Ball hinterhergehen.‘ Aber so bin ich nicht. Diese Einstellung hat mir meine Karriere ermöglicht: in jedem Training und in jedem Spiel alles zu geben. So verstehe ich diesen Sport, und das werde ich nicht verändern.“
Gleichzeitig habe ihm die lange Pause eine andere Perspektive auf sein Leben gegeben. Er verbrachte mehr Zeit mit seinen Kindern und lernte, die zahlreichen kleinen Etappen einer Rehabilitation mental zu bewältigen.
Auch seine Nichtnominierung für die Weltmeisterschaft akzeptierte Carvajal. Er habe mit Nationaltrainer Luis de la Fuente gesprochen und dessen Entscheidung nachvollziehen können.
Über die verpasste Weltmeisterschaft: „Natürlich wäre ich gerne bei der Weltmeisterschaft dabei und Weltmeister geworden. Aber als Spanier fühle ich mich trotzdem als Teil dieses Erfolgs. Ich habe mit dem Trainer gesprochen und seine Position verstanden. Wenn ich in den 26-Mann-Kader gekommen wäre, hätte ein Mitspieler seinen Platz verloren, der ihn sich sportlich verdient hatte. Rückblickend war die Entscheidung richtig, denn Spanien wurde Weltmeister.“
Seine Karriere möchte Carvajal möglichst selbstbestimmt beenden. Dabei teilt er die Haltung seines früheren Mitspielers Luka Modrić.
Über das Karriereende: „Ich möchte selbst entscheiden können, wann ich aufhöre und wann ich diese Gefühle nicht mehr erleben möchte. Vielleicht sagt mir irgendwann mein Körper, dass es nicht mehr geht. Oder ich verliere die Lust darauf, jeden Morgen zum Training zu fahren.“
Carvajal sprach zudem mit Sergio Ramos, der weiterhin auf eine neue sportliche Möglichkeit wartet. Eine Verpflichtung durch Getafe sei wegen der großen Zahl vorhandener Innenverteidiger derzeit schwierig. Ramos halte sich jedoch bereit und sei für ein Projekt offen, das ihn begeistert.
Vinícius, Mbappé, Valverde und die großen Weggefährten
Obwohl Carvajal Real Madrid verlassen hat, verfolgt er die Entwicklung seiner ehemaligen Mitspieler weiterhin genau. Besonders positiv äußerte er sich über Federico Valverde, der zuletzt mehrfach als Rechtsverteidiger eingesetzt wurde.
Über Valverde als Außenverteidiger: „Er ist sehr vielseitig. Mit seinen körperlichen Fähigkeiten läuft er die Seite wie ein Flugzeug hoch und runter, besitzt einen großartigen Schuss und eine enorme Reichweite. Er macht das sehr gut.“
Auch Vinícius Júnior verteidigte Carvajal gegen die zunehmende Kritik. Der Brasilianer befindet sich nach seinem Platzverweis und den Diskussionen um seinen Stammplatz in einer schwierigen Phase.
Über Vinícius: „Er ist ein fantastischer Mensch und bringt unglaublich viel Freude in die Kabine. Er hat nie gezögert, die Mannschaft auf seine Schultern zu nehmen und in schwierigen Spielen den Ball zu fordern. Das muss man anerkennen: Er ist ein Spieler, der sich niemals versteckt.“
Dani Carvajal: „Mit dem jüngsten Platzverweis und den Zweifeln daran, ob er spielen soll, ist die Situation natürlich für niemanden angenehm. Aber Vini hat sich schon aus komplizierteren Situationen zurückgekämpft. Er muss ruhig bleiben. Er hat gerade verlängert, noch viele Jahre vor sich und ist ein außergewöhnlicher Spieler. Wir werden diesen unwiderstehlichen Vini bald wiedersehen.“
Von Mbappés Leistung beim 2:1 gegen Barcelona zeigte sich Carvajal beeindruckt. Der Franzose erzielte beide Treffer und erreichte die Marke von 100 Toren für Real Madrid.
Über Mbappé: „Er ist eine Bestie. Der Clásico war noch einmal etwas anderes. Ich habe Szenen gesehen, in denen man ihn kaum besser verteidigen kann. Cubarsí hat bei einigen Aktionen seinen Laufweg zugestellt und ihn festgehalten, trotzdem hat Kylian ihn abgeschüttelt. Er erzielt Tore, während er die Verteidiger im vollen Lauf mitzieht. Von seinen körperlichen Voraussetzungen her ist er einer der stärksten Spieler, die ich je gesehen habe.“
Den neuen Ballon-d’Or-Gewinner Harry Kane würdigte Carvajal vor allem wegen dessen Spielintelligenz. Kane sei weder ein klassischer Dribbler noch außergewöhnlich schnell, beeinflusse mit seinen Bewegungen aber die gesamte gegnerische Ordnung.
Über Harry Kane: „Er ist in meinem Alter und ein Ballon-d’Or-Spieler. Er ist sehr intelligent. Er kommt teilweise bis an den eigenen Strafraum entgegen und öffnet damit Räume für schnelle Flügelspieler. Er kann sich gut drehen, hat Übersicht und eine unglaubliche Abschlussqualität. Ohne ein ganz ähnlicher Mittelstürmer zu sein, erinnert er in einigen Dingen an Karim Benzema: Er macht die Spieler um sich herum besser.“
Als prägendsten Trainer seiner Laufbahn nannte Carvajal Carlo Ancelotti. Zwar habe er von jedem Coach etwas mitgenommen, doch mit dem Italiener verbinde ihn eine besondere Beziehung.
Über Ancelotti: „Ich hatte viele Trainer und habe von jedem Kleinigkeiten mitgenommen. Mit Carlo habe ich aber die meiste Zeit verbracht und die größten Erfolge gefeiert. Er ist fast wie ein zweiter Vater. Während seiner zweiten Amtszeit war unsere Beziehung noch einmal anders, weil ich Kapitän war und er mich hatte aufwachsen sehen. Deshalb würde ich Carlo wählen.“
Ein besonderer Maßstab bleibt für ihn Cristiano Ronaldo. Carvajal ist überzeugt, dass der Portugiese noch die Marke von 1.000 Karrieretoren erreichen wird.
Über Cristiano Ronaldo: „Er wird ganz sicher 1.000 Tore erreichen – und er verdient es. Er ist das Beispiel für Disziplin und Beständigkeit. Wer Cristiano nicht während seiner Zeit bei Real Madrid gesehen hat, hat etwas Besonderes verpasst, vor allem auch in der Kabine. Vor wichtigen Champions-League-Spielen sagte er zu mir: ‚Wenn du in die Nähe des Strafraums kommst, flanke den Ball, denn ich werde dort sein.‘ Er war sehr beeindruckend – ein Raubtier im Strafraum.“
RMXpress Fazit
Dani Carvajal hat Real Madrid zwar verlassen, seine Verbindung zum Verein aber nicht abgelegt. Er verfolgt die Spiele weiterhin im weißen Trikot, spricht mit großer Zuneigung über seine früheren Mitspieler und kann sich eine spätere Rückkehr nach Valdebebas gut vorstellen.
Bei Getafe geht es für ihn nicht mehr um Champions-League-Titel, sondern um den Klassenerhalt. Gerade dieser Kontrast scheint seinen Ehrgeiz neu entfacht zu haben. Nach der langen Verletzungspause will Carvajal noch einmal regelmäßig spielen, den Alltag einer Mannschaft erleben und jeden Sieg bewusst genießen.
Seine Aussagen zeigen zugleich, welche Erinnerungen aus einer außergewöhnlichen Karriere bleiben. Es sind nicht allein 27 Titel, Finaltore oder individuelle Auszeichnungen. Besonders bedeutsam sind für Carvajal die Anerkennung der Madridistas, die gemeinsamen Jahre mit seinen Weggefährten und jene magischen Minuten im Bernabéu, in denen Real Madrid scheinbar verlorene Spiele noch drehte.
