Neues Kapitel mit Brasilien
Carlo Ancelotti hat im vergangenen Sommer seine Ära bei Real Madrid beendet – als erfolgreichster Trainer der Klubgeschichte. Danach begann für den Italiener ein neues Kapitel: die Rolle als Nationaltrainer der brasilianischen Nationalmannschaft.
Im Interview mit Radio MARCA sprach der 66-Jährige über seine ersten Monate in Brasilien, seine Erinnerungen an Real Madrid und seine Sicht auf aktuelle Entwicklungen im Weltfußball.
„Jetzt habe ich sicher weniger Stress“, erklärte Ancelotti über seinen Alltag als Nationaltrainer. „Es gibt weniger Spiele und viel Beobachtung. Man muss nicht jeden Tag ein Training vorbereiten. Das Tempo ist ruhiger, aber sehr interessant – Brasilien hat mindestens 70 Spieler, die für die Nationalmannschaft infrage kommen.“
Fußball hat sich stark verändert
Ancelotti sprach über die Entwicklung des Fußballs in den vergangenen Jahrzehnten.
„Der Fußball hat sich enorm verändert. Die Stadien sind besser geworden, die Plätze auch und das Schiedsrichterwesen hat sich durch Technologie verbessert. Die Intensität ist viel höher geworden. Aber mehr Intensität bedeutet nicht immer mehr Spektakel. Für Talent ist es heute manchmal schwieriger, sich zu zeigen.“
Ancelottis ideale brasilianische Elf
Der Italiener stellte seine persönliche „Traumelf“ aus brasilianischen Spielern zusammen, die er in seiner Karriere trainiert hat.
„Im Tor Dida. Rechts Cafu, innen Éder Militão oder Thiago Silva und links Marcelo. Im Mittelfeld Casemiro und Kaká. Auf den Flügeln Vinícius Júnior und Rodrygo – und im Sturm gibt es viele Möglichkeiten: Ronaldo Nazário, Rivaldo oder Ronaldinho.“
Parallelen zwischen den Legenden von Madrid und Brasilien
Über die Bedeutung der großen Namen in der Geschichte von Real Madrid und des brasilianischen Fußballs sagte Carlo Ancelotti.
„Bei Real Madrid ist die Geschichte jeden Tag präsent – Di Stéfano, Puskás, Sergio Ramos, Casillas oder Ronaldo. Hier in Brasilien ist es ähnlich: Pelé, Zico, Romário… die großen Namen des brasilianischen Fußballs sind immer präsent.“
Abschied von Real Madrid
Der Italiener betonte, dass er nie geplant hatte, nach Real Madrid noch einmal einen Verein zu trainieren.
„Ich hatte nie wirklich die Idee, nach Real Madrid noch einmal einen Klub zu übernehmen. Die Möglichkeit mit Brasilien gab es schon vor zwei Jahren. Ich habe damals noch einmal mit Madrid verlängert, aber letztes Jahr dachten wir, dass es der richtige Moment ist, ein neues Kapitel zu beginnen.“
Trotz seines Abschieds bleibt seine Verbindung zum Klub stark.
„Ich habe fantastische Erinnerungen an diese lange Zeit. Ich habe eine große Zuneigung zu Real Madrid und zu den Menschen dort. Wenn Madrid spielt, schaue ich die Spiele und hoffe, dass sie gewinnen.“
Kontakt zu den Spielern
Ancelotti verriet auch, dass er weiterhin Kontakt zu einigen Spielern des aktuellen Kaders hat.
„Ja, manchmal telefoniere ich mit ihnen. Nach dem Spiel gegen Manchester City habe ich dem Klub und dem Präsidenten gratuliert. Ich spreche auch mit Spielern – zum Beispiel habe ich kürzlich mit Rodrygo telefoniert.“
Übergang zu einer neuen Generation
Der Italiener sieht den aktuellen Umbruch im Madrider Kader als normalen Prozess.
„Im Fußball reichen schon kleine Veränderungen aus, um die Chemie im Team zu verändern. Das betrifft nicht nur das Umfeld, es geht nicht nur darum, Kroos durch Mbappé zu ersetzen. Im selben Jahr verlässt Nacho den Verein, Carvajal verletzt sich und Modric kommt weniger zum Einsatz. Die alte Generation, die eine fantastische Atmosphäre in der Kabine geschaffen hatte, ist nicht mehr da, und es muss eine neue Generation von Spielern her, die Charakter, Persönlichkeit und Vorbildfunktion einbringen muss. Das geht nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit.“
Mbappé und Vinícius im Fokus
Über Mbappé zeigte sich Ancelotti trotz aller Diskussionen sehr positiv.
„Mbappés Ankunft fiel mit zwei wichtigen Abgängen zusammen, nämlich denen von Kroos und Nacho – eine ganz andere Situation. Mbappé hat seine Sache fantastisch gemacht und rund 50 Tore geschossen, doch die Mannschaft hatte Schwierigkeiten, Titel zu holen, denn im Fußball kommt es auf kleine Details an, und wenn man etwas ändert, läuft es nicht immer glatt.“
Auch über Vinícius Júnior fand der Italiener klare Worte.
„Vinícius hat in großen Spielen nie versagt. Ich erinnere mich an kein Viertel- oder Halbfinale, in dem er nicht geliefert hat. Ich bin überzeugt, dass er eine großartige Weltmeisterschaft spielen kann.“
Lob für Valverde
Besonders beeindruckt zeigt sich Ancelotti von der aktuellen Form von Federico Valverde.
„Sein Niveau überrascht mich nicht. Ich habe vor drei Jahren mit ihm gewettet, dass er 10 Tore pro Saison schießt oder ich trete als Trainer zurück“, sagte er lachend. „Aber die drei Tore (gegen Manchester City) waren unglaublich. Ich habe ihm danach geschrieben: ‚Schade, dass du keinen brasilianischen Pass hast.‘“
Real Madrid gegen Manchester City
Auch zum Champions League Achtelfinale zwischen Real Madrid und Manchester City äußerte sich der ehemalige Trainer der Königlichen.
Seine Prognose fiel – nach dem 3:0 Sieg im Bernabéu – eindeutig aus:
„Real Madrid wird weiterkommen. Sie müssen gut verteidigen und vor allem Balance im Spiel haben.“
Brasilien träumt vom sechsten Titel
Mit der brasilianischen Nationalmannschaft verfolgt Ancelotti nun ein großes Ziel: den sechsten Weltmeistertitel.
„Der Druck existiert schon lange. Die Menschen wollen die sechste Weltmeisterschaft gewinnen. Aber genau diese Schwierigkeit ist auch eine große Motivation.“
Für Ancelotti ist dabei vor allem die besondere Fußballkultur des Landes beeindruckend:
„Wenn die Nationalmannschaft spielt, steht hier das ganze Land still. Das ist ein anderes Gefühl als in Europa. Dort haben Klubwettbewerbe oft mehr Gewicht – hier steht die Seleção über allem.“
